Ausbildung als pädagogischer Bildungsprozess

Die Ausbildungszeit ist eine Orientierungsphase in der menschlichen Entwicklung, die für Jugendliche thematisch im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Freiheit steht.
Den Blick auf die Förderung der Ehrfurcht vor den Mitmenschen, vor dem, was uns gleich ist, beschreibt Goethe als zentrales Aufgabenfeld bei der Arbeit mit Jugendlichen. (Ehrfurcht in diesem Verständnis schließt auch den Blick auf unsere Umwelt, die Natur und die Erde mit ein). Wir leben in einer Zeit, in der wir Menschen offensichtlich eine wirkliche Beziehung zur Arbeit weitgehend verloren haben. Die Verantwortlichen in den Betrieben erkennen dies mehr und mehr und sehen sich vor einer großen Herausforderung. Es wird vielerorts eine Neuorientierung der Ausbildungspraxis in die Richtung gefordert, dass sie von den Beteiligten innerlich mit vollzogen und gelebt werden kann.
Ein Aufgabenfeld der Berufsausbildung ist das Wecken von Interesse für die Themen der Welt und die Entwicklung vom "bloßen Meinen", von halben Einsichten, von unbewiesenen Vermutungen hin zu echtem Wissen. Damit verbunden sind auch die Ergründung und Bestimmung der notwendigen Fähigkeiten der Jugendlichen, um ihr eigenes Leben in "die Hand nehmen" und Mitgestalter des Gemeinwesens werden zu können. Solche "Ich-Erlebnisse" erfährt der Jugendliche, wenn er im Wahrnehmen auch gestaltend tätig sein kann. Längst bewiesen ist ja, dass sich durch eigenes Handeln angeeignete praktische Fertigkeiten viel länger bewahren als reine theoretische Kenntnisse.
Methodenvielfalt ist also angesagt. Dazu noch psychologisches Know-how und Einfühlungsvermögen. Soll der Ausbilder ein Übermensch sein? Ein klares Nein. Jeder, der sich einmal die Mühe gemacht hat, sich mit pädagogischen und psychologischen Themen zu beschäftigen, erkennt sehr rasch, wie sehr ihn selbst auch diese Lektüre verändert. Das "Wissen um die Zusammenhänge" gilt nicht nur für den Link von einer Website auf die andere. Teambildung geschieht nicht von selbst. Ebenso wenig lernen Auszubildende menschlich angemessenes Umgehen miteinander ohne Anleitung.
Insofern sind Ausbilder immer auch als Pädagogen gefragt, die in der Lage sind, ein vielgestaltiges Bild von der Welt zu vermitteln, ein Modell für Autonomie im Menschsein vorzuleben, als Dreh- und Angelpunkt von Auseinandersetzung mit drängenden Themen zur Verfügung zu stehen und gleichzeitig als "guter (väterlicher) Freund" der Auszubildenden auch ein Ohr für deren Sorgen und Nöte zu haben. Diese Erkenntnisse verdeutlichen die Wichtigkeit, die Zeit der Berufs(aus)bildung als pädagogischen Bildungsprozess zu verstehen, was für die Praxis umfassende konzeptionelle und methodische Veränderungen bedeuten würde.
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