Selbstbestimmung in der Ausbildung

von juukay
Jede Bildung - und damit auch jede Ausbildung - basiert auf einem bestimmten Menschenbild. So galt es sehr lange als gegeben, dass man den Menschen nur mit definierten Daten und Fakten "füttern" musste, um ein vorhersehbares Ergebnis zu erreichen. Dabei wurde der Mensch zum gestaltbaren Modell, das auf einige wenige Funktionen reduziert wurde (reduktionistisches Menschenbild). Diese Sichtweise hat sich glücklicherweise verändert.
Heute begegnet man vielfach einem ganzheitlichen Menschenbild, bei dem der Mensch als ein sich selbst gestaltendes Körper-Seele-Geist-Wesen angesehen wird, das die Möglichkeit seiner Weiterentwicklung ein Leben lang behält. Ausbildungskonzepte stehen diesem ganzheitlichen Menschenbild oft noch diametral entgegen, obwohl sie die Berufs(aus)bildung auch als Bildung verstehen und in Fachkreisen über Innovations- und Entwicklungsbedarf für die Berufsvorbereitenden Maßnahmen und die Ausbildungspraxis rege diskutiert wird.
Persönlichkeitsbildung als Bildungsziel setzt jedoch immer ein ganzheitlich bestimmtes Menschenbild voraus und erfordert die Anwendung bevorzugter Umgangsformen und Lernmethoden. Das wichtigste Instrument ist dabei die Reflexion. Ziel können doch eigentlich nur Auszubildende sein, die selbst bestimmt handeln und mit der Freiheit umzugehen wissen, weil sie sich durch ein gestärktes Selbstbewusstsein auf sich selbst verlassen können.
Mit dem (Aus)Bildungsziel "Selbstbestimmung" ist ein hoher Anspruch verbunden, der den in der Berufspraxis häufig erlebten Wahrnehmungen von Fremdbestimmung und Einflusslosigkeit entgegensteht. Selbstbestimmung ist vor allem durch das innere Erleben gekennzeichnet, durch die Urheberschaft des eigenen Handelns, der Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zum Austausch mit anderen Menschen und insbesondere dem Tragen der Verantwortung für das eigene Handeln. Oft ist das didaktisch-methodische Handeln für Auszubildende nahezu ausschließlich an fachlichen (kognitiven und handwerklichen) Lerninhalten orientiert, während die emotionale Entwicklung zu wenig Beachtung findet.
Wie aber sollen soziale und methodische Kompetenzen entwickelt werden? Wir wis-sen, dass sie das Resultat von Erfahrungen sind, die Menschen im Laufe ihrer Entwicklung in Interaktionen mit anderen Menschen machen. Dementsprechend müssen Ausbilder über eine entsprechende Haltung im Alltag solche Erfahrungen ermöglichen und damit die Persönlichkeitsbildung der Auszubildenden fördern, selbstständiges differenziertes Denken anregen und sie auf den Weg führen, ihre vielfachen Vorurteile in Frage zu stellen. Dabei hat der Ausbilder die Aufgabe, sich in die Bedürfnisse der jungen Menschen einzufühlen und ihre Entwicklungsgänge durch persönliche Reflexion (und Rückmeldung) und unmittelbare Begleitung zu unterstützen.
Ziel kann dabei nur sein, eine Lernenden Organisation mit der Zielrichtung einer Lernenden Gemeinschaft zu schaffen. Die Rolle der Ausbilder besteht in der Funktion eines Vorbildes und Beziehungspartners für die Auszubildenden und eines Gestalters von entsprechenden Lebens- und Lernbedingungen zur gegenseitigen Inspiration und Reflexion von Lernphasen. Nur auf diese Weise können Auszubildende zu selbstbestimmten Menschen werden.
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